Interview: Transparent Magazin – 50+1 in Hannover


Das Printmagazin Transparent – Magazin für Fußball und Fankultur beschäftigt sich in seiner 19. Ausgabe mit dem Thema 50+1. Im Rahmen des Artikels über Hannover 96  wurde auch Pro Verein 1896 befragt. Den Artikel des Heftes gibt es seit dem 25.12.2016 auf der Internetseite des Transparent Magazins (Kind und die Fans – Eine unterschiedliche Sprache). Das dazu abgedruckte Interview mit uns findet ihr hier im Folgenden.

Interview:

Transparent: Warum ist 50+1 für euch so wichtig, würde sich bei Hannover überhaupt sichtbar etwas ändern, wenn Kind 2018 quasi die Mehrheit übernehmen sollte?

Pro Verein 1896: 50+1 ist ein Punkt, der den deutschen Fußball im internationalen Vergleich zu etwas Besonderem macht, denn hier konkurrieren klassische Sportvereine oder Sportvereine mit ausgegliedertem Profifußball im sportlichen Wettkampf. Dies sollte aber unter fairen Bedingungen für alle Teilnehmer der Liga stattfinden. Wenn man über den Tellerrand und zu anderen Sportarten oder Ligen schaut, die ohne eine solche Regelung auskommen, sieht es deutlich anders aus. Im Eishockey und auch im Handball ist immer wieder von Insolvenzen und Lizenzverkäufen zu lesen, die es in solch einer Form im deutschen Fußball durch die 50+1-Regel nicht geben kann. Wenn Verein und Profifußball in Hannover rechtlich völlig getrennt werden, besteht für Fußballfans quasi kein Anreiz mehr, überhaupt Mitglied in einem Breitensportverein zu werden, der die eigenen Farben nur durch die Duldung der Investorengesellschaft  tragen darf, die die Markenrechte seit 1998 hält, und in dem der Fußball kaum noch existent ist. Gleichzeitig werden gerade massive Investitionen in die Vereinsinfrastruktur getätigt, die von den Fußballfans in ihrer Rolle als Fördermitglieder bezahlt werden sollen, damit der Verein für Breitensportler attraktiver wird. Daneben wird aber auch der Breitensport, insbesondere die dreizehn hauptamtlichen Mitarbeiter des Vereins, nur durch die Mitgliedsbeiträge der Fußballfans erhalten. Hier existiert ein unkalkulierbares Risiko zu Lasten des
eingetragenen Vereins.

Glaubt ihr, dass sich 50+1 auch in den nächsten Jahren und Jahrzehnten in Deutschland durchsetzen wird oder ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Regel endgültig fallen wird?

Die Verantwortlichen der DFL scheinen eine extreme Angst vor einer gerichtlichen Entscheidung auf europäischer Ebene zu haben. Alle, die bisher aktiv gegen die 50+1-Regelung vorgegangen sind, haben ihre eigene Ausnahme bekommen. Für Martin
Kind wurde die »20-Jahre-Förderung-Ausnahme« modifiziert, Herr Hopp hat diese mit Hoffenheim bereits in Anspruch genommen und »Red Bull« hat den Geist des eingetragenen gemeinnützigen Vereins für sich neu interpretiert, um 50+1 formal zu erfüllen. Daher ist davon auszugehen, dass die DFL 50+1 offiziell weiter beibehalten wird, aber bei »Umgehungen« ein Auge zudrückt. Das Vertrauen der Vereine bzw. deren Mitglieder in die DFL scheint nicht mehr vorhanden zu sein. In vielen Vereinen werden Regelungen zum Schutz gegen den Ausverkauf durch Investoren und zum Erhalt der 50+1-Regelungen in die jeweiligen Vereinssatzungen aufgenommen. Es findet deutschlandweit ein Wandel von der Lizenzauflage zu einer individuellen Schutzmaßnahme der jeweiligen Vereine statt.

Martin Kind ist in der Vergangenheit durch Streitigkeiten mit der eigenen Fanszene, aber auch durch Diskussionsbereitschaft aufgefallen. So nahm er zum Beispiel 2012 am Fankongress in Berlin teil und stellte sich in einer Diskussion zum Thema 50+1 den Fans. Wie seht ihr das? Gibt es auch vereinsintern offene Diskussionen oder ist das für euch reine Außendarstellung?

Öffentliche Auftritte und Äußerungen gibt es unzählige, aber vereinsintern gibt es sowas nicht. Vereinsmitglieder erfahren auf der Mitgliederversammlung im April eines jeden Jahres, was im abgelaufen Jahr alles entschieden, geplant, verkauft oder verworfen wurde. Der Vorstandsbericht des Vereins unterscheidet sich dabei teilweise kaum vom Geschäftsbericht der Profifußballgesellschaft. So hört man z. B. seit geschlagenen zehn Jahren immer wieder, dass das Niedersachsenstadion neugebaut wurde. Das hat zwar überhaupt nichts mit dem Verein zu tun, dem das Stadion nicht gehört, ist aber offensichtlich ein Lückenfüller, weil man sonst gar nichts zu berichten hätte. Die Mitglieder werden generell zu keinem einzigen Thema befragt und bekommen immer nur das Ergebnis vorgesetzt. So war es z. B. bei dem Auslaufenlassen einer Rückkaufoption der Markenrechte vor ein paar Jahren und so ist es heute bei dem Neubau eines Vereinsheims an einem anderen Standort, weil das traditionelle Vereinsgelände im Zooviertel vom Vorstand an die Investoren übertragen wurde, um dort das neue Nachwuchsleistungszentrum zu errichten. Von Transparenz oder Mitbestimmung ist im Verein nichts zu spüren.

2011 sagte Kind im Interview mit der »Zeit«: »Hannover 96 wird von der Änderung der 50+1-Regel profitieren. Könnt ihr das irgendwie nachvollziehen?

Hier ist zunächst einmal zu fragen, wen Herr Kind als Profiteur der Ausnahmeregelung ansieht: Den gemeinnützigen Verein, der zum Zeitpunkt der angedachten Trennung hochverschuldet sein wird, oder die Profifußballgesellschaft, die sich dann vollständig im Eigentum von derzeit (nur noch) vier reichen Hannoveranern befinden soll? Wenn wir den Profifußball näher betrachten, erhofft sich so mancher, dass nach der kompletten Übernahme die Eigentümer groß investieren werden. Wir haben bisher aber noch kein stichhaltiges Argument gehört, warum für diesen Schritt eine Trennung vom Sportverein zwingend nötig sein soll. Aktuell entscheidet Martin Kind in Personalunion als Vorstandsvorsitzender des Vereins und als Geschäftsführer und Mehrheitsgesellschafter der Profigesellschaften bei Hannover 96 sozusagen im Alleingang. Das Vorstandsamt möchte er nach der Übernahme abgeben, was darauf hindeutet, dass es ihm im Grunde nur um den Profifußball und nicht um den 120 Jahre alten Hannoverschen Sportverein geht. Der Hannoversche Sportverein von 1896 e.V. wird nicht durch die Aufhebung von 50+1 profitieren. Ob die Profifußballgesellschaft profitieren würde, darf man anhand vieler negativer Beispiele in Deutschland zumindest anzweifeln, bei denen bereits im großen Stil investiert wurde.

 

 

Quelle: Transparent – Magazin für Fussball und Fankultur, Ausgabe Nr. 19

www.transparent-magazin.de

 

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