Interview: 100% FC -für mehr Mitbestimmung beim 1. FC Köln

Nicht nur in Hannover setzen sich Vereinsmitglieder für mehr Mitbestimmung im eigenen Verein ein. Beim 1.FC Köln existiert eine Mitgliederinitiative die mehr Mitbestimmung über eine Satzungsänderung erreichen will. Kurz vor dem Spiel von Hannover 96 gegen Köln und damit auch kurz vor der Mitgliederversammlung des 1. FC Köln e.V. haben wir ein Interview mit „100% FC – dein Verein“ geführt:

-Bitte stellt eure Initiative kurz vor, wer seid ihr, was sind Eure Ziele?
Wir sind eine Mitgliederintiative, die eine sehr heterogene Zusammensetzung hat. Uns vereint das Ziel, dass jeder Verkauf von Anteilen der Zustimmung der Mitglieder unterliegt. Aktuell können bis zu 25 % der Anteile an der ausgegliederten Spielbetriebsgesellschaft ohne Zustimmung der Mitglieder an einen Dritten veräußert werden. Diesen Zustand möchten wir ändern. Aus diesem Grund haben drei Personen aus unserem Kreis einen entsprechenden Antrag auf Satzungsänderung gestellt.
-Pro Verein 1896 in Hannover hat sich nach dem heimlichen Verkauf der letzten Anteile des Vereins an Kinds Gesellschaft gegründet. Wie war das bei euch, was war der Auslöser?
Der Auslöser für die Gründung unserer Initiative waren die Diskussionen rund um RB Leipzig in der vergangenen Saison. Im Rahmen diverser Runden und Stammtische haben sich immer mehr Mitglieder mit der Fragen beschäftigt, welche Vereine in der Bundesliga sind eigentlich noch Vereine im herkömmlichen Sinne und welche Vereine haben Anteile an Investoren veräußert.
Aus diesen Diskussionen heraus ist unsere Initiative entstanden und dieser Prozess erklärt auch die Heterogenität innerhalb unserer Initiative.
-In Hannover gehören 100% der KGaA den Investoren unter dem Management von Martin Kind. Herr Kind behauptet, Vereine seien heutzutage nicht mehr in der Lage, im Wirtschaftsgeschäft Profifußball mitzuhalten und diesen zu managen, weshalb u.a. 50+1 abgeschafft werden müsse. Die 1.FC Köln KGaA ist zu 100% in Vereinsbesitz, trotzdem ging es für euch nach Europa, während die 96 KGaA letzte Saison in der zweiten Liga spielte. Wie ist das für Euch erklärbar?
Die vielzitierte Alternativlosigkeit von Anteilsverkäufen und der kausale Zusammenhang vom Einstieg eines Investors mit anschließendem sportlichen Erfolg, existieren in der Realität nicht. Zunächst einmal bedeutet der Verkauf von Anteilen einen einmaligen Zufluss von Eigenkapital. Natürlich kann dieses Kapital sinnvoll und nachhaltig eingesetzt werden, aber dafür gibt es eben keine Garantie. Im Umkehrschluss gibt der Verein aber auch unumkehrbar einen Teil seiner Selbstbestimmung auf.
Ein Investor, der ausschließlich investiert ohne eine Gegenleistung zu verlangen, kann getrost ins Reich der Fabeln verwiesen werden.
Eine professionelle Arbeit und die daraus resultierenden sportlichen wie wirtschaftlichen Erfolge sind auch ohne Investor genauso möglich wie mit einem Investor. Vereine wie Mainz und Freiburg zeigen dies auf beeindruckende Weise seit Jahren immer wieder.
-Ihr habt bereits eine Regelung in eurer Satzung, die besagt, dass für einen Verkauf ab 25% der Anteile (KGaA) eine Mehrheit der Mitgliederversammlung zustimmen muss – bei einem Verkauf von über 50% sogar 3/4 der Mitgliederversammlung. Warum wollt ihr diese Regelung ändern?
Unabhängig von der Höhe der Anteile, die verkauft werden, ist der historische Schritt zum ersten Anteilsverkauf unumkehrbar. Ein Verein wird die veräußerten Anteile an seiner Spielbetriebsgesellschaft nie wieder zurückerwerben können. Das macht die historische Dimension eines solches Vorgangs deutlich.
Die Mitgliederversammlung als höchstes Organ eines Vereins, muss einem solchen Vorgang dementsprechend zustimmen. Andernfalls würde der Einfluss der Mitglieder ohne ihre Zustimmung eingeschränkt, da der Verein in diesem Falle seinen Einfluss als Gesellschafter einschränken würde. Welchen Einfluss auch schon vermeintlich kleine Anteilsverkäufe haben, lässt sich gut in Hamburg beim dortigen HSV beobachten. Dementsprechend ist es nur konsequent unsere Satzung dahingehend anzupassen, dass über den Verkauf jeden Anteils die Mitglieder entscheiden.
-Wer sich für Mitgliederrechte einsetzt, gilt allgemein schnell als verbohrter Traditionalist, Nestbeschmutzer oder als „von gestern“. Wie reagieren die „Offiziellen“ des Vereins und der KGaA auf euer bestreben?
Nachdem wir unseren Antrag ganz bewusst zeitgleich den Mitgliedern, dem Vorstand und den weiteren betroffenen Organen sowie der Öffentlichkeit im Juli vorgestellten, sind wir immer davon ausgegangen, dass man das Gespräch mit unseren Antragstellern suchen wird. Dementsprechend hat sich auch der Vorsitzende des Vorstands öffentlich geäußert.
Nachdem wir im Rahmen der Saisoneröffnung Flyer verteilt haben, um unser Anliegen vorzustellen, wurde uns noch im Rahmen der Veranstaltung der Vorwurf gemacht wir würden für Unruhe sorgen und Misstrauen gegenüber dem Vorstand artikulieren.
An dieser Haltung hat sich auch nichts mehr geändert, wir haben noch mehrfach das Gespräch gesucht, aber der Vorstand beschränkt sich jetzt lieber darauf unsere Antragsteller als Nestbeschmutzer zu diskreditieren.
Wie absurd dieser Vorwurf ist, wird bei der Lektüre all unserer Publikationen und Stellungnahmen deutlich. Wir haben die Arbeit der Verantwortlichen nicht aus Selbstzweck auch stets gelobt. Niemand kann sagen, auf welche Ideen ein anderer Vorstand in fünf oder zehn Jahren kommt. Eine Satzung muss immer unabhängig von handelenden Personen sein. Zudem lehnen wir den Verkauf von Anteilen auch nicht grundsätzlich ab, er sollte nur demokratisch legitimiert sein.
-Unterstützen die lokalen Medien Eure Kampagne und wie erreicht ihr generell die Mitglieder?
Wir empfinden die Darstellung in den lokalen Medien als ausgewogen und fair. Wir wurden wiederholt und stets fair von allen Seiten für zahlreiche Interviews und Stellungnahmen zu Rate gezogen und stehen mit sämtlichen relevanten lokalen Medien in einem guten Austausch. Die Mitglieder versuchen wir mit Publikationen auf Veranstaltungen, über unsere Homepage und über die sozialen Netzwerke zu erreichen. Neben Texten und Graphiken haben wir auch ein Video produzieren lassen, was unseren Antrag und die Intention dahinter noch einmal verdeutlichen soll.
-Unser Vorstand nutzte vor der letzten Mitgliederversammlung den Postweg und aktuell den Mitgliedernewsletter (eMail), um Briefe mit einseitiger Stimmungsmache an die Stimmberechtigten unter den 20.000 Mitgliedern zu verschicken. Der 1.FC Köln hat über 100.000 Mitglieder. Ist es schwer für euch, die Mitglieder des Vereins zu erreichen, dürft ihr z.B. die offiziellen Kanäle des Vereins nutzen?
Die Möglichkeit zur Nutzung der offiziellen Kanäle wurde uns untersagt. Gerne hätten wir uns natürlich über das Geißbockecho (Mitgliedermagazin) an alle Mitglieder gewandt, aber wir lassen uns auch nicht davon entmutigen. Neben der verbalen Stimmungsmache hat unser Vorstand angekündigt jedem Mitglied im Rahmen der Mitgliederversammlung ein Europapokal-Sweatshirt (Hoodie) zu schenken. Böswillig könnte man dies natürlich als Beeinflussung bzw. Stimmenkauf interpretieren, andererseits sind wir davon überzeugt, dass sich kaum ein Mitglied bzw. dessen Stimme durch solch eine Maßnahme kaufen lässt.
-Wie reagieren die Stadionbesucher und vor allem die Mitglieder des Vereins auf eure Kampagne?
Die Reaktionen im persönlichen Gespräch und auf unsere Publikationen sind durchweg positiv, auch wenn nicht jeder unsere Ansichten teilt, wird unser fundierter, sachlicher und immerzu konstruktiver Auftritt im Gegensatz zur Reaktion des Vorstands sehr geschätzt. Die endgültige und entscheidende Reaktion der Mitglieder werden wir aber erst am Montag (25. September) im Rahmen der Mitgliederversammlung erfahren.
-Verfolgt ihr das Geschehen in Hannover und wenn ja, wie ist eure Meinung dazu?
Natürlich verfolgen wir auch das Geschehen bei anderen Vereinen und insbesondere in Hannover. Insbesondere das Vorgehen eurer Vereinsführung bzw. von Herrn Kind empfanden wir als schockierend. Aufgrund der historisch gewachsenen Strukturen lassen sich die Situationen in Köln und Hannover allerdings nicht wirklich vergleichen. Davon losgelöst wünschen wir Euch in jedem Fall von ganzem Fußballherzen, dass euer Einsatz für Mitgliederrechte und den Erhalt von 50+1 von Erfolg gekrönt ist. Getrennt in den Farben, vereint in der Sache.

 

Das im Interview genannte Erklärungsvideo seht ihr hier: